Child on glass balcony

Ja zu Transparenz

 

Wir stehen ein für Transparenz

Offener Brief an die Mitglieder des National- und Ständerats

 

Fakten zum Kauf der neuen Kampfflugzeuge

 

Sehr geehrte Damen und Herren

 

In Bestreben, den F-35A als das günstigste Flugzeug darzustellen, arbeitet das VBS bewusst mit Annahmen und blendet gleichzeitig relevante Faktoren aus. Das VBS setzt damit die Schweiz substanziellen finanziellen Risiken aus.

 

1. Kostenangaben sind reine Richtwerte

In der Armeebotschaft 2022 erklärt das VBS, es verfüge für den F-35A über ein Angebot mit festen Preisen. Dabei verweist das VBS auf das FMS-Programm, in welchem die US-Regierung mit den Herstellern Lockheed Martin und Pratt & Whitney feste und verbindliche Preise ausgehandelt hat. Zitat: «Preise und Vertragskonditionen sind in diesen Verträgen verbindlich festgelegt».

 

Dabei übersieht das VBS, dass die Verhandlungen zwischen der US-Regierung und den Herstellern nicht vor 2025 stattfinden werden – lange nach der Unterzeichnung des Vertrags mit der Schweiz – und dass das Resultat dieser Verhandlungen weit vom derzeit angekündigten Preisrahmen entfernt sein kann. Das VBS blendet auch die Tatsache aus, dass der «Letter of Offer and Acceptance» (LOA), den es mit den USA unterzeichnen will, klar festlegt, dass die Schweiz «die Gesamtkosten übernehmen muss, auch wenn sie die im LOA gemachten Schätzungen übersteigen».

 

Das VBS bestreitet die Existenz finanzieller Risiken allein mit der Begründung, dass armasuisse über 40 Jahre Erfahrung bei der Abwicklung von FMS-Geschäften habe und es dabei nie zu Kostenüberschreitungen kam. Dabei wird ein grundlegender Punkt übersehen: Es ist das erste Mal, dass ein System eingekauft wird, welches nach wie vor nicht ausgereift ist (Low Rate Initial Production), dessen Probleme noch zahlreich sind (>800) und dessen Anschaffungs- und Betriebskosten bis heute weder festgelegt noch ausgehandelt sind. Eine Ausgangslage, welche in der Tat weit entfernt von der mit der F/A-18 gemachten Erfahrung liegt.

Selbstverständlich kann man diese anspruchsvolle und unangenehme Faktenlage einfach ignorieren. Aber man kann die parlamentarische Verantwortung dafür nicht negieren. 

 

2. Unterschätzung der realen Kosten durch das VBS

Die Betriebskosten der F-35 werden von den offiziellen US-Gremien als «existentielle Bedrohung für den F-35» bezeichnet. In den USA übersteigen diese die finanziellen Möglichkeiten der USAF um 47 Prozent!

In Norwegen, wie auch in Australien, den Niederlanden, Belgien und Dänemark liegen die tatsächlichen Betriebskosten bei rund den doppelten Kosten der ursprünglichen Versprechungen und gefährden die Budgets der Armeen als Ganzes.

 

Das VBS seinerseits stützt sich jedoch lediglich auf Herstellerangaben und schätzt so die Betriebskosten für die 36 F-35A auf rund 300 Millionen Franken pro Jahr (9 Milliarden über 30 Jahre).

Basierenden auf den tatsächlichen Kosten der oben genannten Länder würden die Betriebskosten für die Schweiz zwischen 450 und 500 Millionen Franken pro Jahr betragen. Das bedeutete über 30 Jahre hinweg Mehrkosten von 4 bis 5 Milliarden Franken  – und zwar ohne Inflation.

Und wie sieht es mit den Kosten für "Upgrades“ über die kommenden Jahre hinweg aus? Das VBS quantifiziert diese nicht.

 

Im Gegensatz zu den drei Mitbewerbern ist die Entwicklung des F-35 noch nicht abgeschlossen und das Flugzeug weist noch sehr viele Mängel auf. Darum stellen kommende und zwingend durchzuführende Upgrades ein unbekanntes und potenziertes finanzielles Risiko dar. So musste beispielsweise Norwegen für den Zeitraum 2025-2030 ein zusätzliches Budget von über 500 Millionen Franken für Upgrades hinzufügen; dies obwohl noch nicht alle Flugzeuge ausgeliefert wurden.

Aufgrund eines Beschlusses des US-Kongresses ist davon auszugehen, dass das Fertigungslos der Schweizer F-35A Block 4 ein neues, aktuell noch nicht fertig entwickeltes leistungsstärkeres Triebwerk enthalten wird. Die Kosten für die Entwicklung, Fertigung und Integration dieses stärkeren Triebwerks (sprich: auch lauterem Triebwerk) wird auf die Kunden überwälzt. Damit entfällt auch der viel zitierte Skaleneffekt.

3. Gefährlich reduziertes Pilotentraining

Um die Kosten für die F-35A weiter zu senken, hat das VBS die Flugaktivität der Piloten auf rund 90 Planstunden pro Pilot/Jahr reduziert. Dies entspricht de facto zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Stunden, welche in allen anderen F-35A Betreiberländer geflogen werden. Es sind zudem fast 40% weniger, als die derzeitig geflogenen Stunden der Schweizer Piloten auf den F/A-18-Flugzeugen.

Diese reduzierte Flugstundenzahl ist insbesondere für zukünftige Schweizer Piloten ohne Kampfjeterfahrung eine Gefahr, da der F-35 nur als Einsitzer existiert. Andere Länder verfügen über einen Jet-Hochleistungstrainer, der einen sicheren Übergang zum F-35A ermöglicht. In der Schweiz werden aktuell angehende F/A-18-Piloten auf dem PC-21 ausgebildet, um anschliessend im F/A-18-Doppelsitzer mit einem Fluglehrer die Reife zum Alleinflug zu erlangen. Keine andere Luftwaffe ist heute bereit, zukünftige F-35-Piloten ohne zusätzliche Jeterfahrung in den F-35 zu setzen. Das Risiko ist zu gross.  

Es ist wahrscheinlich und auch sinnvoll, dass die Schweizer Luftwaffe aus Sicherheitsgründen die Anzahl der Flugstunden der Piloten von den geplanten 90 Stunden auf mindestens 120 Stunden pro Jahr erhöhen muss. Dies wird die Betriebskosten allerdings um weitere fast 2 Milliarden Franken ansteigen lassen.

Die reduzierte Flugstundenzahl lässt auch aus einem anderen Grund aufhorchen: Zukünftige F-35-Piloten müssen trotz reduzierter Flugstundenzahl sogar über zwei zusätzliche, anspruchsvolle Fähigkeiten verfügen: die Aufklärung (Recce) und das Bekämpfen von Bodenzielen. Es ist uns weltweit keine Luftwaffe bekannt, in der Piloten mit so wenig Echtflugzeit über eine so umfassende Aufgabestellung verfügen. 

 

Dieses Argumentarium wird Ihnen von einem bürgerlichen Komitee zugestellt, das unverrückbar für eine starke Armee einsteht. Das Komitee ist parteipolitisch unabhängig; es unterhält keine Kontakte zu Lobbyisten und verfügt über keine Mandate aus der Rüstungsindustrie. Sponsoring oder Zuwendungen von Drittpersonen sind tabu.

Politiker, Unternehmer, Flugzeug- und Militärexperten, Juristen sowie aktive und ehemalige Offiziere bilden den Kern der Komitees.

Unser Anliegen ist, faktenbasiert, nicht polemisch und kompetent einen Gegenpol zum Informationsmonopol des VBS und deren «embedded» PR-Mitstreiter zu setzen. Wir unterhalten keine bezahlten Leserbriefschreiber.

Weitere Informationen zum Thema werden in regelmässigen Abständen folgen.

Bern, im März 2022

 

Bürgerliches Komitee (BOSS)
Bürgerliche Organisation für eine Sichere Schweiz

Beat Meier, Unternehmer, Offizier, Pilot         Felix Meier, Aviatiker, Militärpublizist und Offizier

Zu den Fakten               Stellungsnahme VBS                      securisee.ch